Bericht einer Begleitung

Frau H. war 60 Jahre alt, lebte seit kurzer Zeit bei ihrem Sohn und seiner Familie in Bad Homburg. Vorher wohnte sie in Offenbach, wo sie ihre Schwiegermutter bis zu deren Tod pflegte und in einem Bekleidungsgeschäft arbeitete. Dort war sie noch tätig als sie schon krank war.

Frau H. litt an einem Tumor im Mundbereich, der mit Chemotherapie und Bestrahlungen behandelt wurde. Zur Sicherung der Atmung wurde ein Tracheostoma angelegt. Eine Öffnung der Luftröhre, die mit einer Trachealkanüle versorgt ist.

Der Tumor wuchs mittlerweile im Halsbereich nach außen und bildete dort eine ca. 10 cm große Wunde. Außerdem waren starke Hautschädigungen durch die Bestrahlung sichtbar.

Die Schwiegertochter meldete sich bei uns, da sie Hilfe und Beratung wünschte in Bezug auf ärztliche und pflegerische Hilfe, da die Pflegesituation für alle in der Familie neu war.

Frau H. war aus der Klinik entlassen worden, da keine weiteren Therapien mehr sinnvoll erschienen.

So vereinbarten wir einen Hausbesuch, bei dem sich die Schwiegertochter zunächst über unsere Arbeit informierte und ich die Patientin kennenlernen konnte.

Frau H. lebte in der Souterrainwohnung der Familie mit direktem Zugang zum Garten.

Das äußere Erscheinungsbild von Frau H. war geprägt durch die Gesichtsschwellung und den großen Verband am Hals. Eine sprachliche Kommunikation war nicht möglich, Frau H. drückte sich schriftlich aus und durch Gestik und Augenkontakt. Darin war sie geübt und es gelang sehr gut sich mit ihr zu verständigen.

Sie versorgte ihr Tracheostoma mit Hilfe selbst. Auch die Ernährung über die PEG-Sonde (Ernährungssonde durch die Bauchdecke) verabreichte sie sich mit Hilfe.

Eine Schmerztherapie wie im Krankenhaus war zu diesem Zeitpunkt nicht weitergeführt worden. Frau H. litt am meisten unter der Gesichtsschwellung und dem davon ausgehenden Druck im Kopfbereich.

Nach der Beratung setzte sich die Schwiegertochter mit dem örtlichen Hausarzt und einem Pflegedienst in Verbindung. Die medizinische und pflegerische Versorgung war somit gewährleistet und brachte Erleichterung in die Familie. Die Schmerztherapie wurde wieder aufgenommen, was die Symptome im Gesichtsbereich linderte.

Es wurden weitere Hausbesuche vereinbart und auch eine hospizliche Begleitung durch eine Hospizhelferin war erwünscht zur Entlastung der Schwiegertochter, die sich auch um die zwei Söhne im Kindergartenalter zu kümmern hatte.

Es gelang der Hospizhelferin einen guten Kontakt zur Patientin aufzubauen und diese sowie die Familie in der Verarbeitung der Situation zu unterstützen.

Die Familie war bemüht alle möglichen Hilfen zur Erleichterung der Situation der Patientin hinzu zu ziehen. So wurden eine Physiotherapeutin mit Erfahrung in Lymphdrainage im Kopfbereich und ein in Homöopathie erfahrener Arzt involviert, die auf ihren Gebieten hilfreich unterstützten. Gemeinsam gelang es, die Symptome zu lindern und eine für Frau H. gute Lebensqualität zu erreichen.

Pflegehilfsmittel wie Pflegebett, Toilettenstuhl und Sauerstoffgerät wurden angefordert.

Das Ziel aller Beteiligten war, Frau H. nicht mehr in ein Krankenhaus verlegt zu müssen und so lange wie möglich mit vernünftiger Lebensqualität in der Familie weiterleben zu können.

Die Frage der Familie war immer wieder: Können wir noch etwas für die Mutter tun?

Den Blick auf den Tod von Frau H. zu richten, fiel schwer, sowohl ihr selbst als auch ihrer Familie.

Eine unserer Aufgaben bei Begleitungen ist es vorausschauend zu arbeiten, das bedeutet, den möglichen weiteren Verlauf zu skizzieren und auf mögliche Schwierigkeiten wie Blutungen und Atemnot hinzuweisen und diese Situationen zu besprechen.

Bei einem Verbandswechsel kam es zu einer akuten Blutung aus der Wunde, die aber zum Stillstand gebracht werden konnte. Die Familie war erleichtert, auch diese Krisensituation mit Hilfe bewältigt zu haben. Frau H. selbst war ganz ruhig und danach sehr erschöpft.

Da es immer wieder zu einer Blutung kommen konnte, habe ich einen Notfallplan aufgestellt in Absprache mit Hausarzt und Pflegedienst. Notwendige Medikamente wurden vor Ort gelagert. In dem Notfallplan standen auch so ganz praktische Dinge, wie dunkle Handtücher bereit zu halten, damit der Blutverlust weniger erschreckend wirkt als auf hellen Tüchern.

Ebenso haben wir über die Akutsituation Atemnot gesprochen, auch hierfür einen Notfallplan – incl. der Benachrichtigung des Notarztes – aufgestellt sowie mit Hausarzt und Pflegedienst abgestimmt.

Ein Arztbrief vor Ort mit den aktuellen Befunden machte deutlich, dass eine Krankenhauseinweisung nicht sinnvoll ist, sondern dass hier symptomatische Hilfen notwendig sind.

Frau H. wurde schwächer, die Therapien und die Pflege erschöpften sie. Sie hielt sich immer mehr im Bett auf und schlief viel, aber sie war ruhig und hatte keine Schmerzen.

So schlief sie auch ganz ruhig ein und verstarb.

Die Familie war sehr traurig, da sie doch hofften die Mutter noch einige Zeit bei sich zu haben. Erleichterung war bei allen Beteiligten, dass sie so ruhig verstorben ist, ohne, dass es zu einer bedrohlichen Blutung oder Atemnot gekommen ist.

Frau H. wurde über 5 Wochen von uns begleitet. Ihr bescheidenes und freundliches Wesen machte uns diese Begleitung leicht, trotz des schwierigen Krankheitsbildes. Auch das Engagement und der Mut der Angehörigen war beeindruckend, ebenso das Zulassen der Hilfen und das Öffnen ihres Hauses.

Durch das beschriebene Netz von Menschen mit unterschiedlichen Professionen gelang es, Frau H. ein Sterben in der von ihr gewünschten Umgebung zu ermöglichen.

Bericht von Frau Irmgard Hörr

Hospiz-Fachkraft des Bad Homburger Hospiz-Dienst e. V.

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22. März 2018

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